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ABBA so nicht

 

Über die kultigste Band der Welt darf man nichts Negatives sagen, höchstens was Ironisches. ABBA ist die pure Sehnsucht. Kuschelig ist es ja schon wie da zwei Päarchen den Starkult kultivieren und dabei alle Welt unterhalten und amüsieren. Die Outfits ein Hingucker, die Frisuren nullachtfünfzehn und die Bewegungen ganz geschmeidig, ganz anders als Boney M. Die zackigen Zuckungen des Frontsängers steckten Breakdancer und andere an und der Afrolook war plötzlich so in wie noch nie zuvor. Als die Smiths und Morrissey von "Meat is Murder" sangen wollte niemand, der ein guter Mensch sein wollte, mehr Fleisch konsumieren. Es schmeckte ja auch einfach nicht mehr als klar wurde welche Hormone da alle drinstecken und wie die Tiere behandelt werden. Zum Glück sind wir heute ein Stück weiter.

Musik prägt unser Leben und die Stars wissen wie sie uns kriegen. Daran ist nichts Schlechtes. Bereicherung ist immer willkommen sonst würden wir in der Einöde des Alltags alle mehr oder weniger vor uns hinsiechen. Als Jugendliche habe ich als erstes die Stereoanlage (so hieß das damals) angemacht als ich von der Schule nach Hause kam. Und zum Einschlafen stets U2, Sting, Depeche Mode, The Cure oder Spandau Ballett. Ich bin fast aus allen Wolken gefallen als ein Freund sich kürzlich outete und fragte wer Spandau Ballett sei. Dabei sind wir in den 1980ern gemeinsam aufgewachsen. So leben wir Menschen also aneinander vorbei. Tragisch, tragisch. Dass ich dagegen jede seiner Heavy Metal Bands kannte fand er hingegen sicher ganz cool. Als er mir eines Morgens auf dem Schulweg mit einem Kettenhemd entgegen kam, war für mich der Ofen aus. Es sah nicht nur fürchterlich aus, er muss auch ziemlich gefroren haben.

Depeche Mode zuliebe habe ich mich des Öfteren in schwarz gekleidet. Meine Mutter meinte, es wäre doch schön, wenn ich etwas mehr Farbe in mein Leben bringen würde. Meine (zugegeben fürchterlichen) rosafarbenen Ballerina hat dieser Freund dann in einem Anflug von Aggressivität schließlich wutentbrannt in die hinterste Ecke meines Jugendzimmers (so hieß das damals) geschleudert. Seitdem trage ich Sneakers.

Was Musik bewirken kann, weiß ich seitdem ich in Montreal war. Nicht nur waren die Jazzkonzerte ein Lifesaver, sondern die täglichen Musikaufnahmen, die ich machte. "Bye bye Miss American Pie", "Child in Time" oder "Bridge over Troubled Water" war zwar ein ziemliches Potpourri, aber genau eines, das mir gefiel. Das Schreiben hing ich eine Weile an den Haken bis ich wieder so inspiriert war, dass es mir wie geschmolzene Butter von den Händen floss.

Inspiration. Tagtäglich begleitet sie uns und nicht alle werden dessen gewahr. Das ist schade, denn genau dafür sind wir ja hier. Säuglinge, Babies und Kleinkinder entdecken sekündlich die Welt und staunen und wir Erwachsene zucken statt dessen oft genug gelangweilt mit den Schultern: "So what ? Such is life !"

ABBA habe ich schon ewig nicht mehr aufgelegt. Irgendwie käme mir das fast schon spießig vor. Dan Danger wird es freuen. Ich schmeiße einfach das Radio an und singe drauf los. Und wer das dann hört, muss es eben ertragen, ob schief und krumm oder melodiös ist mir dann meistens egal. Aber immer hoch und tief und die Launen wechseln dabei gar nicht so oft wie man annehmen würde. Die Melodie des Lebens begleitet mich schon von Anfang an: Bei meiner Oma habe ich zwei Gläser aneinander gestoßen, weil ich den Ton hören wollte, den das erzeugt. Sie war entsetzt und ich bezaubert und seitdem lässt mich die Musik nicht mehr los. Krach (so hieß das damals) ist eine Quelle der Inspiration. Seitdem ist sie nie versiegt. Und Sneakers trage ich immer noch.

 

Devrim Karahasan

(6. November 2021)