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Rundherum

 

Wenn man sich so umsieht fällt auf, dass zurzeit viele missmutig in die Gegend schauen. Ob das an der Pandemie, deren Bekämpfung oder am eigenen Versagen an den Dingen liegt oder einfach am Novemberwetter, vermag man kaum zu sagen. Optimismus jedenfalls ist einigen in die Wiege gelegt als Wonneproppen, Wirbelwind oder Tausendsassa, anderen hingegen nicht oder weniger. Sie verzagen sobald die Puste fürs Schöne, Gute, Richtige ausgeht und so schnell nicht wiederkommt. Durchhalteparolen bringen da nicht viel, denn wenn das Herz einmal weniger pumpt hilft nur Ruhe und Besonnenheit. Schließlich ist es das wichtigste Organ - noch wichtiger als Gehirn oder Lunge, denn es hat eine Versorgungsfunktion für den gesamten Organismus. Darauf acht zu geben ist jedermanns Pflicht will sie oder er denn das Leben sinnvoll gestalten, nicht an die Falschen geraten und für Wohlbefinden sorgen.

Als ich letztens bei einer Joggingrunde wieder ins Schritttempo verfiel, dachte ich: "Das kannst Du doch besser!", habe mich dann aber gezügelt, denn das Herz lügt einen nicht an: langsamer heißt langsamer und der Pulsschlag gibt das eindeutig vor. Rhythmus heißt das Schlagwort und ob nun mit Musik auf den Ohren oder ohne: der findet sich ganz von selbst.

Wie gut, denke ich dann in solchen Momenten, dass Vernunft und Enthusiasmus sich nicht ausschließen. Persönlichkeit definiert sich nun mal über die Erfahrungen, die man gemacht hat, und die Gene kann man nicht übers Ohr hauen. Sie sind einfach immer da. Man muss sie nicht mögen, aber Tatsachen sind nicht aus der Welt zu schaffen indem man sie ignoriert.

Als ich mit sechszehn das erste Mal in Bayern joggen war, dachte ich anschließend: wie herrlich neugeboren man sich fühlt ! Die sieben Kilometer kamen mir damals wie eine endlose Ewigkeit vor. Zu viert genossen wir die Landschaft um uns herum und waren ganz froh und glücklich. Meine Waden wurden gemustert und für tauglich befunden und noch heute frage ich mich warum man als Frau eigentlich ständig taxiert wird. Ach, sind wir Frauen oft nicht selbst schuld daran, weil wir gerne perfekt wären ? Bzw. Männer denken wir wollten es sein und ziehen uns nur damit auf. Einem Mann rutscht meistens den Buckel herunter was andere über ihn denken: Hauptsache er fühlt sich wohl.

Künftig werde ich jedenfalls meine Runden weiter drehen in der Gewissheit, dass ich meine Lebenszeit bestimme und weiß wer ich bin. Was ich will ist klar: der Rhythmus soll weiterhin schön und angenehm bleiben und Überhasten führt nur ins Stolpern und Verirren. Meine Beine tragen mich im Einklang mit meinem Herzen. Und das ist auch gut so.

 

Devrim Karahasan
(4. November 2021)