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Frauenpower

 

Auf den letzten Metern wäre ihr zu wünschen, dass sie es mit ihrem Elan und ihrem Idealismus doch noch schafft. Annalena Baerbock hat in der Wahlarena in der ARD eine gute Figur abgegeben und das lag nicht nur an den Schuhen, die sie trug, die ein Teilnehmer lobend hervorhob, sondern an den Inhalten, die sie überzeugend vertreten konnte. Auf die Frage einer jungen Bürgerin, die Vorbehalte gegen die Corona-Impfung zu haben schien, konterte Baerbock mit der Gegenfrage wie sie es denn machen würde und darauf kamen nur lauter Zweifel, aber keine Lösungsvorschläge. Viele Bürgerinnen und Bürger aber schien sie mit ihrer herzhaften Art überzeugt zu haben, denn gleich beim Einstieg auf die schwierige Frage wie man Altenpflege und Polizei aufstocken möchte wo Deutschland ohnehin unter einem Fachkräftemangel zu leiden hat, konnte sie punkten. Der reichlich desillusionierte Altenpfleger quittierte ihre Ausführungen denn auch gleich mit dem Satz, dass wenn sie das Leben der Altenpfleger verbessere sie das Leben von uns allen erleichtere.

Während Olaf Scholz also auf die Frage, ob er mit der Linkspartei koalieren wolle, strategisch ausweicht und Christian Lindner stoisch darauf beharrt wie eigenständig die FDP sei und sie keine Karriereabsichten hege, sondern ihre Inhalte umsetzen wolle, um einen Linksrutsch im Land zu vermeiden, geht Annalena Baerbock so ziemlich in ihrer Kanzlerkandidatinnenrolle auf. Statt bei der Darstellung eines Kulturschaffenden über die schwierigen Lebensbedingungen vieler Künstler in der Coronakrise Krokodilstränen zu vergießen, schlägt sie vor, sich noch einmal eingehender zu unterhalten, und dasselbe tut sie auch als ein junger türkischer Mann von Problemen bei seinen Bewerbungsbemühungen im öffentlichen Dienst erzählt. Nie gerät sie dabei ins Stottern oder Schlingern oder wirkt überheblich. Nein, sie kniet sogar vor einer älteren Rollstuhlfahrerin nieder, um auf Augenhöhe zu sein, während sie auf ihre Frage eingeht, warum der Verbraucherschutz nicht übersichtlicher geregelt werde.

Tempolimit, ÖPNV, Busfahrten im Stundentakt im ländlichen Raum, Kohleausstieg schon 2030, Abrüstungsverhandlungen und Glasfaserausbau - das alles bringt sie an und zeigt dabei die Widersprüche auf, in denen wir stecken. Als anschließend bei Frank Plasberg Carsten Linnemann von der Mittelstandsvereinigung der CDU seine Empörung darüber inszeniert, dass Deutschland zu langsam in den Planungs- und Genehmigungsverfahren sei und Jörg Meuthen von der AfD lobt welch gerechtes Steuersystem wir bereits hätten (er nennt es allerdings "Chaos"), gewinnen die Zuschauer einen Eindruck davon, um was es eigentlich geht. Eine Rundumerneuerung kann nur schaffen wer es wirklich ernst meint. Das weiß Annalena Baerbock sehr genau und wenn sie Olaf Scholz noch überholen will, um womöglich eine grün-rot-rote Koalition zu schmieden, kann sie sich keine Unsicherheiten erlauben.

Die vielen Koalitionsoptionen, die derzeit diskutiert werden, machen zwar deutlich, dass noch alles offen wirkt, aber eine Tendenz ist schon jetzt klar. Der hessische Finanzminister Tarik Al Wazir wies zurecht darauf hin, dass die Bürger und Unternehmer oft schon viel weiter sind als die Politik und dass es doch erstaunlich sei, dass er ausgerechnet einer Partei wie der CDU erklären müsse was Recht und Ordnung ist, wenn es um Steuergerechtigkeit geht. In einem Schnüffelstaat möchte niemand leben. Und zu verbessern gibt es eben noch sehr viel mehr als die Parteiprogramme oft anreißen. Nie gab es mehr zu tun.

 

Devrim Karahasan

(7. September 2021)