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Der ESC als Ein-Frau-Show

 

Alles tritt in den Schatten, wenn Barbara Schöneberger die Bühne betritt, egal in welchem Fummel und auch ohne Publikum schnattert sie drauf los und redet alle in Grund und Boden. So auch dieses Jahr. Den Bands und Sängern die Show zu stehlen, fällt ihr sichtlich leicht und das Redemanuskript ist voll gespickt mit Wortspielen und Anspielungen, die nicht nur Insider, aber vor allem alte ESC-Hasen verstehen sollen. Eine abgespeckte Show, die diesmal im Vergleich zum Vorjahr mit Effekten geizte, bot ein Kessel Buntes. Während die Pointer Sisters-Doubles aus Schweden herzhaft groovten und Malta und Island ebenso schwungvoll waren, kamen die Schweiz und Italien quälend und flehend rüber - man musste sich fragen, wie sie den Mut aufgebracht hatten, mit ihren Songs überhaupt anzutreten. Russland bot eine witzige Performance, bei der vielleicht nicht nur die Interpreten weiche Knie hatten. Und Kleopatra gegen Pointer Sisters war einfach noch chancenloser als die schöne Melancholie Bulgariens gegen das fade Einstiegslied. Insgesamt, man kann es sich nicht verkneifen, waren die Darbietungen wenig mitreißend und spektakulär. Aber so sollte es wohl sein und die Pointen der Moderatorin - irgendwie hatte man das Gefühl, sie schon alle zu kennen. 

Dass Litauen den Sieg davon trug, mag Freunde der Ein-Mann-Show nicht verwundert haben. Der Flirt mit der Schöneberger war zwar holprig, aber was macht das schon. Litauen sollte es sein und so wurde es Litauen. Michael Schulte und Peter Urban durften natürlich nicht fehlen. Zweimal gesungen ist halb gewonnen, der vierte Platz wird niemals vergessen genauso wie Lenas Satellite-Siegerhit, mit dem ihre Karriere steil ging. All das in Ehren - von Jahr zu Jahr wird die ganze Veranstaltung immer vorhersehbarer und damit Europa hochleben darf, mindestens ein Mal im Jahr, kommen immer wieder Musiker zusammen, von denen "echte" Musiker behaupten, sie seien keine, sondern nur Eintagsfliegen, deren Ruhm ungefähr vier Minuten dauert. So war der Abend kurz und bündig: zehn mal ging´s an den Start fürs Siegertreppchen und wie immer "the winner takes it all", this time to Lithuania. Gerechtigkeit muss sein und kein Wunder, denn schon 2006 hatte es sich mit "We are the winners" auf den sechsten Platz beim ESC in Athen gesungen. Der Vorbote des heutigen Sieges, also so viel Zufall muss mal sein. Was macht es da schon, dass Andere besser gesungen und performt hatten. Schwarzweiß kommt im Lametta der Show eben einfach glatt rüber bis hinüber aufs Siegertreppchen. Hin oder her, einer muss es schließlich werden. Das Wort zum Sonntag der Pfarrerin, die mit der Elfi im Hintergrund so wirkte wie gerade auf Spritztour durch die Elbmetropole, traf den Nagel auf den Kopf: auf die Vielfalt kommt es an. Dass sich die Voter dann allerdings für eine Performance entschieden haben, die genau das nicht bot, war schon enttäuschend, um nicht zu sagen: irgendwie platt. 

Man möchte am liebsten die ESCape-Taste drücken.

 

Devrim Karahasan