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Werbung im Sinne des Fortschritts

 

Kürzlich fiel mir in einem Werbespot der türkischen Oppositionsführerin Meral Aksener auf, dass der Satz, den sie abschließend zum Besten gibt, irgendwie hinkt. Sie sagt wörtlich: "Die Demokratie ist unser Geschenk an Euch!" und meint damit das türkische Volk. Umringt ist sie von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern, eben allen Altersgruppen, und spricht somit gekonnt die gesamte Bevölkerung an. Nun ist bekannt, dass es ohne Atatürk niemals eine Demokratie im Land gegeben hätte: alle Institutionen, die sie schützen sollen, stehen und fallen durch seine Anstrengungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Vieles ist seitdem unumstößlich geworden: das Frauenwahlrecht gilt darunter als eine der wichtigsten Errungenschaften. Wenn man also für die Demokratie werben will, kommt man um Mustafa Kemal Atatürk nicht herum. Er hatte sie seinem Volk tatsächlich geschenkt, nachdem es in den Befreiungskriegen unter hohen Verlusten seine Freiheit erkämpft hatte. Heute ist die Realität eine ziemlich Andere. Es regiert ein Mann, der die Demokratie als Trittbrett benutzt und sich nicht zu schade ist, seinen immensen Reichtum genau darauf aufzubauen, dass sehr viele im Land Not leiden und häufig nicht wissen wie sie den nächsten Tag bestreiten sollen. Recep Tayyip Erdogan hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Demokratie zu seinen Zwecken und denen seiner Gefolgsleute benutzt. Damit steht am Ende einer langen Entwicklung ein Ergebnis, in dem viele aufmerksame Beobachter und Zeitgenossen die Vorstufe zur Scharia sehen. Dass er anfangs noch ernsthaft damit liebäugelte der EU beizutreten, klingt heute allenfalls wie hohle Wahlkampfpropaganda, die ohnehin niemand glaubt.

Wenn Meral Aksener von der Iyi Parti, die das Gute im Namen trägt, also damit werben will, dass die Demokratie ein Geschenk sei, sollte sie vielleicht bedenken, dass man für die Demokratie hart arbeiten muss, will man sie nicht verlieren. Das tut sie, aber das müssen bestenfalls eben auch alle Anderen. Wer aus freien Stücken und ohne Hintergedanken etwas verschenkt, tut das in der Regel, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Eine Demokratie aber erfordert tagtäglich eine Leistung, die Kraft und Einsatz erfordert, und zwar nicht nur von politischen Anführern, sondern von den Bürgern, auch denen, die nicht in hohen Positionen sind.

Vielleicht ticken aber Frauen und Männer doch so unterschiedlich, dass die Einen eben davon ausgehen, das Leben sei reich genug, um zu verschenken was schön und wichtig ist und die Anderen glauben, das Geld die Welt regieren müsse. Dass auch das Verständnis von Macht anders ist, sieht man daran wie viele Frauen an ihrer Kompetenz zweifeln bevor sie überhaupt als überzogen wahrgenommene Forderungen stellen wollen. Macht ist so politisch wie das Private eben oft genug unpolitisch bleibt. Dass Frauen sich damit viel schwerer tun, sieht man zum Beispiel an dem Schritt der deutschen Ministerin für Familie, Sport und Jugend, Franziska Giffey: bevor sie den Rücktritt wagte, vergewisserte sie sich und gestand sich ihren Fehler einer ungenau ausgearbeiteten Doktorarbeit ein. Dass sie dennoch für den Berliner Senat kandidieren will, rückt sie in ein schiefes Licht. Fehlereingeständnis ja, aber auf Landesebene nicht ganz so wichtig wie auf Bundesebene? Der Widerspruch dürfte ihr selbst nicht erst aufgefallen sein als zahlreiche Journalisten darauf hingewiesen hatten, dass ein umstrittener Titel beim Abhalten von Pressekonferenzen über Familienpolitik genausowenig gut ankommt wie bei Reden im Senat. Giffey war also nur halbkonsequent und will offenbar nicht den Eindruck erwecken, dass sie gänzlich das Handtuch werfe. Das ist ihr nicht zu verdenken, denn Fehler in Doktorarbeiten sind viel verbreiteter als angenommen und werden ziemlich aufgebauscht, damit ja nicht der Eindruck entsteht, der Wissenschaft werde nicht Genüge getan. Objektivität und Wertefreiheit sind ein schwieriges Unterfangen und Perfektion vermutlich eine Chimäre. Selbst den Gewissenhaftesten unterlaufen falsche Zitierweisen oder fehlerhafte Angaben und die Wenigsten tun das mit Absicht, sondern weil der Zeitdruck manchmal schwerer wiegt als die Aussicht auf Erfolg, ob nun wegen fehlender oder hart erarbeiter Finanzierung oder wegen der Erwartungen, die eine Jury manchmal ungewollt oder unterschwellig aufstellt. Abgabetermine haben zwar nichts Sakrosanktes, aber im Nacken sitzen sie beim Schreiben unbewusst schon. Das Spiel um den Titel hat indes wenig mit Benachteiligung von Frauen zu tun, denn auch ganz aktuell Kanzleramtschef Helge Braun oder in grauer Vorzeit der ehemalige Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg, um nur einige Beispiele zu nennen, haben damit so ihre leidlichen Erfahrungen gemacht. Bei Frauen werden Fehler nur gerne dazu benutzt um zu zeigen, dass eben auch sie fehlbar sind.

Vielleicht aber fällt es vielen Männern leichter das auszublenden, was ihnen nicht in den Kram passt, oder einfach zu ignorieren was als unschick gilt. Daher vielleicht die oft erfolgreicheren Karrierewege, für die sich manche Frauen manchmal auch zu schade sind. Dass Jens Balzer zum Beispiel meint, die Rechte hätte keinen Soundtrack verwundert angesichts der vielen Bands, die sich in der rechten Szene tummeln. Aber vielleicht muss man ganz genau so da herangehen: wegreden was niemandem gefallen kann, der sich Ästhetik, Schönheit, ja einfach nur Normalität wünscht wo eine sonst eher düstere Welt ihre Mauern hochzieht? Die Nazis seien kalt und berechnend gewesen, sagt Rolf Dobelli, und kannten keine Gefühlsausbrüche. Wirklich ?

Was mich aber wirklich wundert, ist, dass selbst eine über Frankreich hinaus sehr bekannte Feministin, wenn nicht DIE Vorreiterin des Feminismus, Simone de Beauvoir, von den Frauen als "das zweite Geschlecht" spricht. Der zweite Rang als gottgegeben? Der Titel ihres bahnbrechendes Werkes wurde in weiser Voraussicht ins Deutsche mit "Das andere Geschlecht" übertragen, der Übersetzerin sei es gedankt. Das Recht auf Anderssein klingt indes auch verquer und viel zu sehr von der Abgrenzung per se gedacht: warum nicht einfach ganz normal ? Das normale und das abnormale Geschlecht - so weit bräuchte man ja gar nicht zu gehen. Aber ein Stück Normalität, das ist es doch, was sich viele wünschen. Erst wenn das erreicht ist, ist was erreicht.

Politik ist halt nichts für Weicheier. Das ist spätestens seit der CDU-Spendenaffäre klar. Dass dieselbe Partei mit ihrem Wahlprogramm nun allerdings auf Design, Kreise und Farben setzt statt auf handfeste Inhalte, verwundert schon sehr. Konturlosigkeit warf Dagmar Rosenfeld von "Die Welt" der CDU zurecht vor. Vor allem weil sie es in den Grünen mit einem starken, ja erstarkten Gegner zu tun hat. Dass der nun ins Taumeln geraten ist, hat mit vermeidbaren Fehlern zu tun, die unprofessionell wirken und die gesamte Partei damit wieder kanzleruntauglich erscheinen lassen. Sah man schon eine grüne Republik vom Horizont heran nahen, waren solche Höhenflüge flugs vorbei als Annalena Baerbock eingestand schlampig gewesen zu sein. Ihre Wortwahl schlägt in diesem Fall ihre Sprechart, denn solche und ähnlich derbe Ausdrücke hätte sie besser vermieden, um nicht zusätzlich in ein schiefes Licht zu geraten. Und auch als es um ihr Buch ging, hätte sie mehr Inhalt als Defensive bieten können: schließlich geht es darin nicht in erster Linie um die Form, sondern um das, was drin steht und inhaltlich vorgeschlagen wird.

Dass man in Deutschland eigentlich keinem Politiker mehr raten kann, sich an einer Doktorarbeit zu probieren, ist spätestens seit Karl-Theodor zu Guttenberg klar. Dennoch gehen einige Politiker unbeirrt diesen Weg, weil sie sich einen Karrieresprung erhoffen. Baerbock hat zurecht darauf hingewiesen, dass ihr Buch keine Doktorarbeit ist. Aber es soll den Weg für das Deutschland von morgen weisen. Insofern hätte es eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung verdient und nicht das Kleinklein, in dem nun das Wahlkampfboxen ausgetragen wird.

Und wenn politische Gegner nun mit Hinweisen auf Charaktereignungsprüfungen für Journalisten meinen punkten zu können, möchte man doch zunächst einmal wissen, wie es um den Charakter der Politiker bestellt ist, die Selbige einfordern. Vor Schlammschlachten hat Frank-Walter Steinmeier zurecht gewarnt. Aber auch er hat sich keinen Gefallen getan, sich selbst noch einmal für eine zweite Amtszeit vorzuschlagen. Das wirkt zu sehr als klebe er an dem Amt. Schöner wäre es gewesen, er hätte sich auffordern lassen. Aber das schien eventuell nicht in Sicht. Der Demokratie hätte das gut zu Gesicht gestanden.

 

Devrim Karahasan