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Gendern

 

Wer etwas über Gendergerechtigkeit sagt, macht sich im besten Fall zum Anwalt der Frauen. Natürlich stimmt es, dass gendergerechte Sprache ihren Sinn hat. Sarah Bosetti brachte einmal das Beispiel des Arztes, der deswegen so heißt, weil früher meist nur Männer diesen Beruf ergriffen. Inzwischen gibt es so viele hochqualifizierte Ärztinnen, dass man kaum glauben mag, dass Frauen das Medizinstudium einst verwehrt war. Darunter sind auch die Nachrichtensprecherin Susanne Holst und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Mit der studierten Physikerin Angela Merkel haben wir die erste Frau im Bundeskanzlerinnenamt, und das bereits seit sechszehn Jahren. Und die Queen Elisabeth II. ist das dienstälteste Staatsoberhaupt und eine Monarchin, die den Commonwealth mit eiserner Hand regiert. Christine Lagarde leitet die Europäische Zentralbank. Also alles perfekt ? Was fehlt den Frauen zu ihrem Glück ?

Der Gender-Paygap liegt nachwievor durchschnittlich bei zwanzig Prozent, innerhalb derselben Lohngruppen immerhin noch bei sieben Prozent. Und Geld regiert bekanntlich die Welt. Noch immer beteiligen sich zu wenige Männer an Kindererziehung und Haushaltsführung. Und noch immer gibt es hohe Armutsraten unter alleinerziehenden Müttern. Kassiererinnen, Erzieherinnen und Raumpflegerinnen heißen so, weil es meist Frauen sind, die diese Jobs ausüben. Jobs also, die immer noch zu schlecht bezahlt sind. Die Pflege der Eltern übernehmen auch Männer, doch sind Frauen dabei in der Mehrzahl. Frauen kümmern sich, stecken zurück, geben klein bei? Zahlreiche Frauen in Aufsichtsräten und Vorstandsetagen singen zwar ein anderes Lied, doch wie wohl ihnen dabei ist, darüber sprechen die Meisten kaum. Denn immer noch herrscht das Klischee der Rabenmutter vor, sollten sie denn Kinder haben. In politischen Ämtern gibt es aber tatsächlich so viele Frauen wie nie zuvor. Die Quote bleibt allerdings gering. 

Annegret Kramp-Karrenbauer hat bei Anne Will einmal gesagt, Männer würden nie nach der Kindererziehung gefragt. Warum eigentlich nicht ? Lieben sie ihre Kinder nicht oder nur nach Feierabend ? Was müsste der Staat tun, damit sich in der Genderfrage was ändert ? Alice Schwarzer und mit ihr zahlreiche andere Feministinnen haben die Frage der Gendergerechtigkeit bis zum Verdruss beackert. Und in der Tat: nur so hat sich Einiges geändert. Für viele war es einfach nur noch nervig und kontraproduktiv. Gewalt gegen Frauen gibt es in der Tat immer noch und meist findet sie sogar in den eigenen vier Wänden statt. Hilfsangebote gibt es viele, aber zahlreiche Einrichtungen sind überlastet. Frauenhäuser und Beratungsstellen wären froh, wenn sie genügend gutbezahltes Personal hätten.

Dass Frauen Ingenieurinnen und Techikerinnen geworden sind, verdanken wir der Tatsache, dass die MINT-Fächer (Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik) für sie zugänglicher geworden sind. Soldatinnen dienen schon lange in Armeen und sind ein unverzichtbarer Bestandteil geworden. Das verwundert oder ärgert höchstens noch hartgesottene Konservative, die am überkommenen Familien- und Frauenbild festhalten wollen. Die Orientierung reicht dabei bis zum eigenen Tellerrand, denn wie bequem ist es, wenn die eigene Ehefrau jeden Tag verlässlich für das Mittagessen sorgt. Die immer noch schwere Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat mit dem Mangel an flächendeckender Ganztagsbetreuung und fehlenden Kitaplätzen zu tun. Binsenweisheiten, die längst zu verlässlichen Lösungen hätten führen können.

Frausein bedeutet so Vieles: Potentiale entdecken, die unter dem Mantel der (meistens eigenen) Vorurteile und fehlendem Zutrauen schlummern, aber für viele unerschöpft bleiben. Weibliche Gestaltungsmacht kann Muttersein genauso sein wie Karrierepläne. Sie kann an Grenzen gehen und diese überschreiten. Dass Frauen oft die bessere Kommunikationskompetenz zugeschrieben wird, kommt nicht von ungefähr. Zickigkeit hingegen amüsiert meist nur die Männer. Und was ist dran an der Schlauheit der Frauen und der Aggressivität der Männer ? An weiblichem Perfektionismus und an männlichem Pragmatismus ? Beides findet sich in beiden Geschlechtern, fraglos. Doch wie oft kommt dennoch das Gefühl auf Frauen lebten auf der Venus und Männer auf dem Mars ? Wenn Männer sich fürs Stricken und Nähen begeistern und Frauen in den Kriegsdienst ziehen, werden die Rollenklischees auf den Kopf gestellt. Wenn Männer gebraucht und bewundert werden und Frauen Spaß haben wollen, prallen oft Welten aufeinander. "Girls want to have fun" könnte genausogut ein Mann trällern. Und "Boys don´t cry" stimmt genausowenig ausschließlich.

Der Christopher Street Day macht vor, dass diese Klischees so überholt sind wie der Hauswirtschaftsunterricht nur für Mädchen. Jungs machen genauso das, was ihnen Spaß macht. In der Politik kann man derzeit sehr gut beobachten, dass sich Annalena Baerbock mehr Aufbruch und Neugestaltung zutraut als ihre zwei Mitkonkurrenten ums Kanzleramt. Damit spricht sie vielen jüngeren Menschen aus der Seele. Doch selbst denen geht sie gar nicht weit genug. Eine Frau würde aber immer noch mehr Dinge anpacken helfen, die vielen Männer viel zu "heiß" wären. Der 26. September wird es zeigen.

 

Devrim Karahasan
(25. September 2021)