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„Weapons of Math Destruction“ – wie soziale Medien uns im Zaum halten

 

 

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Lustiges in den sozialen Medien zu entdecken ist ein Leichtes: fast alles wird auf die Schippe genommen und lädt zum Schmunzeln und Lachen ein. Ein besonderes Charakteristikum in Zeiten, die manchmal die Politik wie ein Schauermärchen und deren Figuren wie Marionetten in einem Drama aussehen lassen, das gut ausgehen kann, wenn der Humor tatsächlich Oberhand gewinnt. Die sozialen Medien sind ein Segen, sagen diejenigen, die der modernen Kommunikation viel abgewinnen. Fällt sie ihnen vielleicht nur deshalb oft leichter als der direkte Kontakt oder eine handfeste Diskussion, weil weniger Reibung zu entstehen scheint ? Wenn der Austausch und die Auseinandersetzung ins Internet verlagert werden, wähnen sich viele in einem rechtsfreien Raum und werfen alle Regeln über Bord. Burnout zum Beispiel durch Cybermobbing ist ein ernstzunehmendes Phänomen. Vielfach haben diese Medien daher mit Kritik zu kämpfen, die genau besehen überflüssig würde, wenn jeder den Anstand, den er für sich selbst wünscht, auch anderen entgegenbrächte. Bisweilen ist daher von „antisocial media“ die Rede. Kaum ein Prominenter, kaum ein Politiker, ja Normalbürger, der seinen Alltag nicht auf solchen Medien bestreitet und seine Meinung und Gefühle oft im Sekundentakt kundtut. Diejenigen, die sich raushalten, sind die Paria des Medienzeitalters oder zumindest out of the game. Das Gemurmel der Vielen stößt auf Echo und - Eigenheit dieser Medien – das meist in Windeseile. Die Echokammer generiert Resonanz, wo sonst gähnende Leere entstünde. Genauso die Verbreitung: in Nullkommanix wissen Follower und Fans was Sache ist und nicht selten werden gleich auch andere dabei herabgewürdigt, Manipulation von Inhalten inbegriffen. Dabei klingt die Initialidee so faszinierend: Vernetzung von Milliarden von Menschen über Bild, Text und Ton über den gesamten Globus, konstante Erreichbarkeit, offenes Internet als reale Möglichkeit. Welches Printmedium bzw. welche Zeitung kann schon von sich behaupten, so viele Leser weltweit zu unterhalten?

Vor welche Herausforderungen stellt dies den digitalen Qualitätsjournalismus? "Qualität" freilich verstanden als maßgebliches Kriterium - ein Gütesiegel für Standards, die eingehalten werden, um sicherzustellen, dass Leser nicht zugemüllt, sondern sachgerecht informiert werden. Doch ein Hindernis ist das Geschäftsmodell, auf dem soziale Medien fußen. Über Tracking werden geschickt Werbeinhalte so gesetzt, dass sie den jeweiligen Follower ansprechen. Und häufig – so fand eine Studie jüngst heraus – wissen viele zwischen Nachricht und Werbung im Internet gar nicht zu unterscheiden. Was kann schon schlecht sein an grenzenlosem Austausch, der so reich machen kann, dass ein Nullachtfünfzehnjob wie eine Parodie aus einer vergangen geglaubten verstaubten Ära wirkt? Die Macher der Plattformen nehmen Milliarden ein und geben ihren Nutzern ein Erfolgsversprechen ab, das antörnt und antreibt, in der Maschinerie des Internetgeschäfts mitzumischen. Ein Riesenreibach also, bei dem die Inhalte und die Form auf der Strecke zu bleiben drohen und nur gewinnt wer möglichst viel Aufmerksamkeit generiert, egal mit was? Längst hat sich herumgesprochen, dass zum Beispiel Stars und Sternchen das Spiel nur mitmachen, weil sie so ihre Lebensgrundlage sichern und erweitern. Wie überzeugt sie davon sind, steht auf einem anderen Blatt. Das müssen sie vermutlich auch nicht, denn die Spielregeln machen es ihnen leicht. Aber wer identifiziert sich schon so sehr mit seinem Beruf, dass er nicht augenzwinkernd über ein paar ärgerliche Nachteile hinweg sieht ? Dabeisein ist alles, scheint das allumfassende Motto zu sein. Schon tummeln sich zahllose Influencer und machen Reklame für Produkte, von denen man sonst nie etwas gehört hätte. Werbeverträge sichern das Einkommen und so macht mit, wer sein Gesicht hergeben möchte für alles, was Geld generieren kann. Wen interessiert da schon die Datenschutzgrundverordnung, wenn Big Data den Weg freimacht für ungeahnte Träume der künstlichen Intelligenzförderer, die sich anschicken, die tapfere neue Welt in ihre glorreiche Zukunft zu hieven? Und ob nun Amerika oder Europa sich durchsetzt, sieht man am täglichen Plebiszit der User, die diese Trennlinie gar nicht ziehen.

Fake News und Hate Speech erregen die Gemüter und verwirren sie zuweilen. Ist die Queen längst tot und wird durch ein Double ersetzt? Will Angela Merkel in die USA auswandern? Ist Barack Obama ein Alien? Wer solche Nachrichten goutiert, will längst mehr wissen. Womöglich steht die Welt am Abgrund, weil David Bowie das Zeitliche gesegnet hat und sein Chinagirl auf Tiktok herumhüpft als sei die Rettung sinnversprechend nur noch in der Musik zu suchen. Eine Ausflucht ins Queere und viel Aussicht auf abgefahrene Visionen, ganz ohne Drogenkonsum. Dabei sind die sozialen Medien längst selbst die Droge. Für viele undenkbar auf den nächsten Shot zu verzichten, wenn Kokain gerade nicht zu haben ist. Wie ist dem beizukommen? Das Problem beginnt schon dort, wo klar ist, dass um Erlaubnisfragen bei Abdruck oder Verbreitung so dermaßen uncool geworden ist, dass die rechtlichen Rahmen längst nicht mehr ausreichen. So kann man sich darüber amüsieren was alles zustande kommt. Oder eben sich aufregen, dass das Alles nicht in Ordnung sei. Und nach Regulierung rufen. Als man einst die Märkte entfesselte, kam eine Krise nach der anderen. Was passiert, wenn man social media ihren freien Lauf lässt? Enden wir alle als Newsjunkies, die ihren Kopf nicht mehr vom Handy heben? Längst hat das vielerorts Einzug gehalten. Den Tag mit einem Blick in social media zu beginnen: für die Meisten, vor allem jungen Menschen, längst Alltag. Und dass sie noch leben, tun sie dadurch kund, dass sie einen Post raushauen. So wird wahr, was einst Andy Warhol prophezeite: es werde die Zeit kommen, in der jeder seine fünf Minuten Berühmtheit erlangen werde. Nur zu welchen Preis - das hat Warhol in seiner endlosen Schüchternheit für sich behalten, weil er die Popart selbst so gelebt hat, dass der Kulturbetrieb ihn gefeiert hat für seinen originellen Beitrag zur Selbstinszenierung. Allerdings ist diese meist in nicht mehr als in ein paar Sekunden abgehandelt, denn viele social media Plattformen sind so programmiert, dass sich das Gepostete nach Sekunden automatisch löscht. Mehr Aufmerksamkeit gibt es eben nicht im Zeitalter des Internets: damit muss jeder zu leben lernen. Ob Instagram, Tiktok oder Snapchat – jeder setzt andere Akzente. Fast jede Institution, Organisation oder Firma ist inzwischen auf den Social-Media-Kanälen vertreten, die sie füttern, um im Gespräch zu bleiben - die vielen TV-Sender und Medienhäusern machen es schließlich vor.

Genauso wie bei Interviews, die über Anfragen zustande kommen, müsste es Autorisierungen geben. Und die Netiquette einzuhalten ist auch längst noch nicht Standard. Konsequentere Durchführungen der Regeln wären ein erster Weg bzw. überhaupt erst strengere Regeln. Als Mark Zuckerberg mit Facebook angetreten war, tat er das mit dem Motto die Welt besser zu machen, wie er einmal sagte. Wenn man sich das Ergebnis anschaut, beschleichen einen leise Zweifel, ob ihm das gelungen ist. Das soziale Dilemma, in dem er selbst verfangen ist, kann er nicht mehr lösen. Das Ideal des Guten und Aufklärerischen mag über Vielem schweben, was auf den Plattformen geschieht. Nur sieht die gelebte Realität der User offensichtlich anders aus. Einsamkeitsgefühle, Unverstandensein und Isolation gehören genauso zum Repertoire der social media Nutzer wie Sensationsgelüste, Voyeurismus und narzisstische Selbstdarstellung. Wie können also Ideal und Realität in Einklang gebracht werden ?, fragen nicht nur Sozialarbeiter, sondern zunehmend auch Juristen, Soziologen und Psychologen. Und Umweltpolitiker, die wissen welchen ökologischen Preis wir für die Digitalisierung bezahlen, nämlich immens hohe Stromkosten und eine Infrastruktur bzw. Bereitstellung, auf die jeder aufgrund des Gleichheitsgrundsatzes ein Anrecht hat, am besten gleich als ganz schnelles Internet wie jüngst gerichtlich festgelegt. Die Politik hinkt wie immer hinterher. Gesetze sind in der Mache, konnten allerdings bislang nicht viel ausrichten. Die EU erscheint in diesem Medienspektakel seit Jahren als der große Spielverderber. Steuermodelle wirken abschreckend und mindern eben den Profit. Einfache Lösung: die Auslagerung in Steueroasen und lauter kleine Tochterfirmen. Social Media as Mosaik der Globalisierung in einer zerfledderten Welt voller Follower, User, Avatars, Profile und derlei Ersatzidentitäten mehr. Was aber ist die echte Identität, falls man sie überhaupt verorten kann in den zahllosen Rollenzuschreibungen, die uns alle ausmachen? Das fragen sich inzwischen so viele, dass den social media so manche Anhänger davon laufen. Allerdings nicht in Scharen, denn das Bewusstsein verbreitet sich weniger schnell als die Likes und Clicks. Jeder hat es selbst in der Hand, was er mit dem Angebot der Vernetzung anstellt und ob es ihm das geben kann, was er sich vorstellt.

Den meisten darf man unterstellen, dass es ihnen um Kommunikation geht. Doch genau die kommt oft gar nicht erst zustande, zumindest nicht, wenn Darstellung vor Inhalt geht. Mehr als plaudern ist es dann wohl eher doch nicht. Oder sogar provozieren, denunzieren oder/und beleidigen. WhatsApp, das genauso wie Instagram seit geraumer Zeit zu Facebook gehört, und zwar dank einer bisher nie dagewesenen hohen Summe Ablöse, verspricht eine Verschlüsselung, die für Profis allerdings leicht zu knacken ist. Der Verdacht der Spionage für die chinesische Regierung beispielsweise von Seiten Tiktoks steht im Raum. Und Treema und Telegram sind auch mit von der Partie, wenn es ums Ausspähen geht. Dass Donald Trump seine Karriere als US-Präsident vorrangig über Twitter bestritt, ist hinlänglich bekannt. Dass sie nach einer Amtszeit endete auch. Viele Politiker taten es ihm gleich. Damit hat sowohl die Qualität der Politik gelitten als auch oft genug die Berichterstattung, da Populismus leichter verbreitet werden konnte, was ja auch genau das Ziel war.

Wenn Konformismus Einzug hält, hat der Individualismus kaum eine Chance. Vordergründig aber soll genau der befördert werden. Es geht also mehr um Inszenierung als um echten Austausch. Allerding lässt hoffen, dass die Deutschen im Glücklichkeit-Index auf Platz sieben von siebzehn aufgerückt sind. Vielleicht hat die Pandemie so manch einen zum Nachdenken gebracht und trotz (oder wegen?) erhöhten Internet- und Telefonkonsums zur Einkehr geführt. Wir leben in einer Zeit, in der einerseits - zurecht oder zu unrecht - beklagt wird, dass sich die jüngeren Generationen von der Politik zunehmend abwenden, andererseits sie aber noch nie so vernetzt waren wie heute. Damit bieten sich viel zahlreichere Kommunikationswege und -weisen. Für eine zeitgemäße Berichterstattung kann es daher sinnvoll sein, die neuen Medien zu nutzen und zu verbessern im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung. Und sehr viele Jugendliche und junge Menschen wissen das schon lange. Wie kann der Umgang mit Nutzerdaten gestaltet werden ohne Persönlichkeitsrechte zu verletzen? Oder kann man davon ausgehen, dass jeder bereit ist, den Preis der Vernetzung einfach stillschweigend zu zahlen? Die Maxime, dass Qualität im Internet nicht über einfache Schlagworte wie „offenes Internet“ hergestellt werden kann, sondern durch konkrete Ausgestaltung von Regeln und Prinzipien, deren Einhaltung kontrolliert werden können muss, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dabei ist Löschung und Sperrung von Inhalten genauso ein Thema wie Ausnutzung der Marktmacht. Wie funktioniert die Verquickung von Politik und social media sinnvoll und zielführend in einer Zeit, in der Wahlkämpfe ohne sie nicht mehr denkbar scheinen? Wer Propaganda betreibt statt Demokratie zu fördern, oder eben diese im Sinne einer Diktatur statt der Demokratie, hätte sich eigentlich selbst disqualifiziert. Die Algorithmen müssen das nur entsprechend so vorgeben. Und das ist dann offenbar die Zensur, gegen die sich so viele wehren, weil sie sich ihrer Freiheit beraubt sehen. Nur ist die Unfreiheit der Diktatur ungleich höher. Das geht im Internetgemurmel bisweilen gerne unter und ist bei den Betreibern der Seiten bislang nur halbherzig angekommen. Oder sie ignorieren es schlichtweg und nehmen etwas in Kauf, das auch ihnen selbst schaden wird auf lange Sicht. Dass social media unser Leben genauso bereichern wie veröden, ist ein Fakt, um den kaum jemand herum kommt, wenn er sich der Thematik tiefergehender widmet wie es beispielsweise Nena Schenk getan hat, um ihrer Generation den Wink zu geben, dass draußen ein Leben auf sie wartet. Und das Fettnäpfchen von Bodo Ramelow zeigt, dass in Fragen der Erweiterung von digitaler Medienkompetenz noch reichlich Luft nach oben ist und die Geschlechterklischees fröhlich weiter bedient werden. Wer die Macht hat, glaubt sich unangreifbar. Dabei ist der Schritt ins Lächerliche keinen Katzensprung weit entfernt.

 

                                                                                                               Devrim Karahasan