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Pressefreiheit im Presseclub

 

Der Presseclub ist kein Tresenclub. Von daher darf man zurecht erwarten, dass keine populistischen Allgemeinplätze wiederholt werden oder gar Leuten Raum geboten wird, die als Globalisierungsgegner allerlei Unwahrheiten verbreiten wollen. Sie von daher mit einer kurzen und knappen Replik abzuhaken bevor sie sich so richtig in Rage reden können, daran tat der ARD-Journalist Jörg Schönenborn sehr gut. Moderation ist ein Metier, das er blendend versteht. Auf die Zuschauer hinzuweisen, die vom Sofa aus innerlich an der Diskussionsrunde teilnehmen, ohne explizit das Wort erteilt zu bekommen - auch das darf er als Vollprofi. Die Expertenrunde im Studio bestand diesmal aus zwei Frauen und zwei Männern, wobei eine Parität eventuell gar nicht intendiert war.

Im Laufe der Diskussion eröffnete Beat Balzli seinen Balztanz gleich mit den bekannten Argumentationsansätzen der konservativen Revolutionäre, der Ulrike Herrmann so gar nicht beeindrucken konnte. Sie selbst kam allerdings über makroökonomische Sichtweisen auch kaum hinaus und Birgit Marschall konnte wenig zu der Frage beitragen, was denn nun tatsächlich geboten sei. Dass Letztere mit einem neuen und komplett ausgearbeiteten Marschallplan hätte um die Ecke kommen müssen, hatte auch niemand ernsthaft erwartet, aber wie so oft bekam man ein Potpourri geboten, das eine Vielfalt abbilden sollte, aber eher zur Konfusion beitrug. Gabor Steingart klang soweit überzeugend als dass er sich zumindest von alten Klischees über Vermögende versus Bedürftige und Sozialstaat gegen Turbokapitalismus zu lösen gelernt zu haben schien. Seine Quasi-Unabhängigkeit als freier Buchautor, der keinem Zeitungsverlag mehr so ganz verpflichtet ist, wurde somit deutlich und so konnte er vielleicht als Einziger zurecht darauf hinweisen, dass der Blätterwald inzwischen, eigentlich schon seit geraumer Zeit, ordentlich durchgepustet wird durch die Online-Konkurrenz. Geschäftsmodelle zu diskutieren war aber gar nicht das Thema, sondern die Frage nach der Steuergerechtigkeit. Dass es Ulrike Herrmann am liebsten über Steuererhöhungen für die Reichen und Birgit Marschall über die Abschaffung des Soli versuchen würden, klang altbekannt. Die beiden Männer hielten sich bedeckt in der Frage nach Lösungswegen, die eventuell wenig Prestige versprechen oder einfach zu mühsam umsetzbar scheinen. Lieber den Dämon der Massenarbeitslosigkeit an die Wand zu malen, der uns bevorstünde, ja bereits im Gange sein könnte, war Balzlis Vorschlag. Ziemlich wenig Beats, dafür umso mehr Dissonanz. Dass der Export rückläufig ist, vor allem auch in der so systemrelevanten Autoindustrie, lässt sich zwar nicht leugnen und dass damit Arbeitsplätze wegfallen können auch, ja bereits sind, doch Wirtschaft ist ein kreatives Feld, auf dem Neues manchmal ganz schnell Fuß fassen kann, aber eben oft auch etwas länger braucht als so manche Geduld währt.

Zu dramatisieren, zu meckern oder zu kritisieren ist immer leichter als Wege zu finden, die weiterführen als bis zur eigenen Nasenspitze. Einen Masterplan scheint es nicht zu geben, darüber kann man sich einig sein. Wie soll´s also funktionieren: ohne Mischfinanzierungen läuft in der Wirtschaft kaum etwas und Verschuldung gehört genauso zum Rezept, so viel scheint den meisten ernstzunehmenden Ökonomen klar. Solange so viele Kommunen quasi leere Kassen aufweisen, solange werden die Populisten nicht ruhen. Ob die 750 Milliarden Euro, die Merkel und Macron im gesamteuropäischen Kontext bereitstellen wollen, reichen werden, ist fraglich. 135 Milliarden davon soll Deutschland stemmen. Dass alles etwas kostet und Geld erst einmal erwirtschaftet werden muss und nicht etwa vom Himmel fällt, ist vielen Linken klar. Dass das aber eben nicht auf dem Rücken anderer, zum Beispiel im Niedriglohnsektor Arbeitender langfristig gut gehen kann, das ist worauf sie hinzuweisen nicht müde werden. Die "Schwachen" sollen unsere Produkte kaufen, sagte einmal der ARD-Brüssel-Korrespondent Ralph Sina. Nur wie sollen sie das, wenn es eher darum geht, die Wirtschaft auch anderer Länder so zu stärken, dass der Konkurrenzkampf um Güter und Dienstleistungen nicht auf die Spitze getrieben wird ? Höhere Löhne, also gestärkte Kaufkraft bedeutet eine starke Wirtschaft. Und nicht immer die Keule der Generationengerechtigkeit zu schwingen, wenn einem die Argumente ausgehen, täte denjenigen gut, die ihre Polemiken tagein tagaus wiederholen, ob nun für ihre treuen Leser oder für Zuschauer solcher Sendungen, von denen es eher mehr als weniger geben sollte, um den Populismus aus den Angeln zu heben. Manche der Zuschauerreaktionen machten denn leider recht deutlich, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Auch Phoenix darf sich freuen, zum Qualitätsjournalismus täglich beizutragen. Von daher: der Minderheit der Vereinfacher, die zuweilen wie eine Mehrheit wirken, gilt es, nicht nur medial Herr zu werden. Aber das ist eine der Säulen. Das kann gelingen, und das wird es auch. Mit etwas mehr Mut zur Lücke.

 

Devrim Karahasan